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[Textprobe aus 'Zwischengleis', Retro-Thriller]



Zwischengleis

(Retro-Thriller)


1

  Gegen fünf rief Blattner an. Der Mann heiße Hemmings, sagte er. Um sechs kam Hemmings. „Es ist ein bisschen ungewöhnlich, mich hierherzubitten“, sagte er und blickte sich interessiert in dem großen Büro um. „Aber Ihr Freund meint, ich könne Ihnen trauen.“
Der fremde Mann lächelte abwartend.
  Gerd Pörtner stand von seinem Stuhl auf und musterte seinen Besucher von oben bis unten. Er war mittelgroß, schlank, etwa Mitte vierzig, eine durchaus angenehme, gepflegte Erscheinung, insgesamt eher unauffällig – und doch von merkwürdig bedrückender Präsenz. Sein Haar war kurzgeschnitten, braun und leicht gewellt. Lediglich an den Schläfen schimmerten ein paar graue Strähnen. Dünne Lippen lagen über einem markant geschnittenen Kinn in einem urlaubsgebräunten Gesicht. Die Augen waren hinter einer goldrandigen Sonnenbrille verborgen, und seine Hände steckten in den Taschen eines klassischen Oxford-Karo-Jaketts.
  „Haben Sie...“ Pörtner stockte, er suchte nach Worten. „Ich meine, wissen Sie, warum ich Sie herkommen ließ?“
Der Mann ging ein paar Schritte im Raum umher. „Sie haben sich gestern Abend mit Herrn Blattner getroffen“, erwiderte er ruhig. „Sie baten ihn, Ihnen jemanden zu vermitteln. Das ist doch richtig, oder?“
  „Ja, das ist richtig“, sagte Pörtner und wischte sich verlegen durch sein schütteres Braunhaar. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn mit einen Mal.
  „Wieviel – “ Er räusperte sich, setzte mit aufgesetzt fester Stimme fort: „verlangen Sie?“
  „Vierzigtausend.“
  „Nicht gerade wenig.“
Der Mann blieb stehen. Er nahm die Sonnenbrille ab. „Sie wollten einen Profi, oder?“
  „Ja, schon...“
  „Es liegt bei Ihnen. Ein Amateur ist natürlich wesentlich preisgünstiger.“ Der Mann, der sich Hemmings nannte, sprach tadelloses Deutsch mit der minimalen Spur eines Akzents. Entweder ist er Engländer oder Amerikaner, dachte Pörtner und tippte auf Ersteres.
  „Nein, nein; das... entschuldigen Sie, das ist mir eben nur so rausgerutscht“, winkte Pörtner mit einem fahrigen Lächeln ab. „Vierzigtausend also. Gut. Ich zahle die Summe. Es ist... wie soll ich sagen... eine dumme Situation, wissen Sie.“ Hemmings fasste Pörtner fest in die Augen. Es leuchtete blau darin mit einem eigentümlichen hellen Glitzern.
  „Hören Sie, bitte“, sagte er. „Ich habe keine Lust, lange um den heißen Brei zu reden. Wir sind beide Geschäftsleute, Herr Pörtner. Wenn Sie sagen, Sie akzeptieren meinen Preis, sollten wir somit zügig zum Punkt kommen. Das macht die Unterredung kürzer.“
  „Es... ist nicht ganz einfach“, druckste Pörtner unsicher herum.
  „Sie wollen jemanden loswerden.“
  „Ja.“
  „Und zwar für immer.“
  „Ja.“
  „Wen?“
  „Meine Frau.“
Pörtner wartete auf eine Reaktion. Hemmings sagte nichts, knabberte nur am Bügel seiner Sonnenbrille.
  „Es ist so“, erklärte Pörtner unbeholfen, „wir haben damals Gütertrennung vereinbart, Ilona und ich, und wenn ich jetzt eine Scheidung durchbrächte. Ich... ich wäre ruiniert. Glauben Sie mir, Ich habe lange nachgedacht, aber ich habe wirklich keine andere Wahl, und außerdem...“
  „Mich interessieren Ihre Beweggründe nicht.“
  „Natürlich nicht.“ Er schwitzte, fühlte seine Schläfenader anschwellen.
  „Bleiben wir beim Wesentlichen.“
  „Trotzdem“, beharrte Pörtner und lockerte sich umständlich seine nachtblaue Seidenkrawatte. „Es ist etwas... kompliziert, es gibt da ein paar Schwierigkeiten.“
  „Zum Beispiel?“
  „Meine Frau hat etwas in ihrem Besitz, was ich unbedingt haben muss. Es ist... sozusagen lebenswichtig für mich.“
  Hemmings hob fragend die Augenbrauen. „Wie darf ich das verstehen?“
  „Es handelt sich um einen Schlüsselbund. Er ist sehr wichtig für mich, so dumm sich das auch für Sie anhören mag.“
Hemmings knabberte weiter am Bügel seiner Sonnenbrille. Die blauen Augen waren schmal geworden. „Ich brauche die Schlüssel, Sie müssen Sie mir unbedingt beschaffen!“
  „Was sind das für Schlüssel?“
  „Ein Wohnungsschlüssel und ein Briefkastenschlüssel. Sie sind mit einem... einem kleinen Kunstperlenring verbunden. Daran ist ein... ein blauer Plastikanhänger. Sie gehören zu einem Apartment in Altona, aber das... ist wohl unwesentlich für Sie. Es ist ja auch schon so lange her. Trotzdem, sie hat es nicht vergessen.“ Er stierte an Hemmings vorbei. „Sie wird es nie vergessen...“
  „Was wird sie nicht vergessen?“
  „Das... das kann ich Ihnen nicht sagen. Je weniger Leute davon wissen... ich meine: umso besser. - Hören Sie, Sie müssen mir diese Schlüssel beschaffen. Unbedingt.“
  „Ist das alles, was Sie von mir verlangen?“
  „Wenn Sie sie haben, dann --- “
  „Dann..?“
  „Tun Sie das, wofür Sie die Vierzigtausend haben wollen.“   „Verstehe.“
  „Ich habe ja gesagt, es ist etwas kompliziert, darum wollte ich auch persönlich mit Ihnen sprechen.“
  „Aufwendiger“, lenkte der Killer lapidar ein. „Was Zeit und Geld angeht. Kompliziert ist es nicht. Jedenfalls nicht, wenn Ihre Frau diese Schlüssel noch hat.“
  „Ich weiß, dass sie sie hat.“
  „Aber Sie wissen nicht, wo?“
  „Nein, das weiß nur sie.“
  „Haben Sie ein Foto?“
  „Bitte?“
  „Von Ihrer Frau.“
  „Ach so, ja. Ja, natürlich. Entschuldigen Sie, ich bin ein bisschen nervös. Es ist immerhin das erste Mal, dass ich...“ Idiotisch, den Satz zu Ende zu bringen, dachte er und reichte Hemmings das goldgerahmte Foto vom Schreibtisch.
  Es war ein Schnappschuss aus dem letzten Urlaub auf Norderney. Ilona, lachend und fröhlich und barfuß am Strand. Das Barfuß sah man nicht, denn Pörtner hatte die Fotografie damals vergrößern, und als Portrait anfertigen lassen. „Die Haare trägt sie inzwischen ein wenig kürzer“, erklärte Pörtner, „etwa bis zu den Schultern. – Sie ist... sehr hübsch, nicht wahr?“
Hemmings musterte das Foto. Er verzog keine Miene. „Kann ich das haben?“
  „Natürlich. – Ich fahre übrigens morgen für ein paar Tage nach Kampen auf Sylt. Ich habe dort ein Apartment für... gewisse Gelegenheiten; Sie verstehen. Nicht, dass ich mich in Ihre Arbeit einmischen will, aber... da wäre Ilona ganz alleine im Haus. Das wäre wohl am einfachsten für Sie...“
  Er schämte sich für seine Worte, aber dann dachte er wieder an Andrea und daran, was auf dem Spiel stand. Nie würde es eine glückliche und sorgenfreie Zukunft für beide geben, solange seine Frau am Leben war. Und plötzlich kehrten auch wieder die Bilder von damals zurück. Der Tag der Trauung...

  Sie wären beinahe zu spät zum Standesamt gekommen, weil Ilona zu Hause noch Ewigkeiten ihre Handschuhe gesucht hatte, die sie unbedingt zu dem apricotfarbenen Seidenkleid anziehen wollte. Hektisch lief sie mit Galakleid und Badelatschen durchs ganze Haus, und es wurde immer später. Die Handschuhe fand schließlich der Bräutigam --- im Badezimmer unter der Spiegelablage, und als sie endlich gemeinsam aus dem Haus traten, stellte Ilona fest, dass sie immer noch ihre Gummilatschen trug und sie lachten sich beide halbtot bei der Vorstellung, in diesem Aufzug vor den Standesbeamten getreten zu sein. War er damals glücklich?, fragte sich Pörtner, der nie so unbeschwert und fröhlich lachen konnte wie seine um zwanzig Jahre jüngere, lebenslustige Frau. Vielleicht ja. Vielleicht war er glücklich. Zumindest für eine kurze Zeit. Aber dann kam alles anders. Vor allem aber kam jener verhängnisvolle Abend, diese gottverdammte Sauftour mit Blattner, und die Hure, die sie in der letzten Absteige trafen...

  Weißblonde Haare, Lacklederstiefel und blaubemalte Fingernägel. Sie roch nach billigem Schnaps, wollte Champagner, der nicht zu ihr passte, und später aufs Zimmer. Ihr Lachen war rau und vulgär gewesen – ihr Schreien entsetzlich. Irgendwann war es verstummt. Die Augen starr gegen die Zimmerdecke gerichtet. Die blauen Nägel in die Tapeten gekrallt. Und alles voller Blut. Sie hieß Gloria. Oder vielleicht hatte sie sich auch nur so genannt.

  Pörtner wollte sie nicht mehr sehen, diese schrecklichen Bilder, die sich so fest in sein Hirn gegraben hatten und die ihn bis heute in seinen Träumen verfolgten.
  Er zwang sich zur Ruhe. Zu kalter Überlegung. Er würde mit Andrea nach Sylt fahren, nahm er sich vor. Wenn er dann wiederkäme, würde er von Ilonas Tod erfahren. Ein Einbruch vielleicht? In Bönnigstedt hatte es in letzter Zeit öfter Einbrüche gegeben.
  'Der Dieb verlor beim unerwarteten Erscheinen der Hausherrin die Nerven und erschoss sie', sah er im Geist schon den entsprechenden Zeitungstext vor sich.

  „Wie lange werden Sie auf Sylt bleiben?“ Hemmings' Frage zog ihn zurück ins Hier und Jetzt: Sommer '86, Hamburg, Rosenstraße, unweit der Binnenalster.
  „Ich schätze, drei oder vier Tage.“
  „Drei Tage dürften genügen. Wo kann ich Ihre Frau kennenlernen?“
  „Kennenlernen??“
  „Ja. Wo geht sie für gewöhnlich hin? Ins Kino? In ein bestimmtes Café oder Restaurant? - Sie wollen die Schlüssel haben, und ich soll sie Ihnen besorgen. Aber wie ich das mache, müssen Sie schon mir überlassen.“
Pörtner nickte einlenkend und nannte dem Mann ein paar Cafés, Lokale und Boutiquen, die seine Frau bevorzugte. Bald war alles Nötige geklärt.
  „Ich kann mich also auf Sie verlassen?“, fragte Pörtner abschließend.
  „Sicher.“
  „Gut, dann rufen Sie mich bitte unter dieser Nummer an, wenn alles... wenn alles erledigt ist.“ Er gab Hemmings seine Visitenkarte mit der Sylter Adresse. „Unter der Nummer, die darunter steht, erreichen Sie mich bis schätzungsweise morgen Nachmittag. Falls noch irgendwelche Fragen sind, meine ich. Ja, und die Nummer meines Autotelefons...“
  „Steht hier auch vermerkt, ich seh schon.“
  „Das Geld... bekommen Sie gewöhnlich – hinterher?“
  „Eine Anzahlung bekomme ich schon im Voraus. Sagen wir, erst mal zwanzigtausend. Ich nehme auch Barschecks. Die restlichen dreißigtausend können Sie mir später geben.“
  „Entschuldigung, aber sagten Sie nicht Vierzigtausend im Ganzen?“
  „Richtig. Für einen einfachen Auftrag. Aber Sie erwarten ja ein bisschen mehr. - Sie können natürlich noch aussteigen, wenn Sie wollen.“
  „Nein, nein, ist schon in Ordnung. Blattner hat Sie mir empfohlen. Wenn er meint, Sie seien der Richtige, dann stimmt das auch.“
  „Sie scheinen ja grenzenloses Vertrauen in diesen Menschen zu hegen.“
  Pörtner antwortete nicht. Er schrieb den Scheck aus. Hemmings schob ihn in die Seitentasche seines Karo-Jacketts und wandte sich zum Gehen. „Ich ruf Sie an.“

  „Tun Sie das“, sagte Pörtner, als der Killer längst aus der Tür gegangen war. Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und blickte stumpfsinnig auf den leeren Bilderrahmen. Noch eben hatte ihm daraus Ilonas Gesicht zugelächelt. Jetzt war alles arrangiert. Er presste die Augen zusammen, verzog das Gesicht und hieb mit der Faust auf die Tischplatte. Vollbracht. Erledigt. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

2

  Die junge Frau mit den schulterlangen braunen Haaren saß im Straßencafé und trank eine Cola. Sie trug ein leichtes Sommerkleid mit Streublümchenmuster. Die dicken Haare hatte sie an den Seiten mit Kämmen festgesteckt, damit sie ihr nicht ständig ins Gesicht fielen. Es war ein warmer Nachmittag.
  Benny hatte gesagt, er würde um viertel vor drei kommen. Jetzt war es schon zwanzig Minuten drüber und er war immer noch nicht da. Nichts Ungewöhnliches bei ihm. Im Rheinland ticken die Uhren anders und als gebürtiger Kölner würde er sich wohl nie an so was wie Preußische Pünktlichkeit gewöhnen können.
  Sie mochte Benny, der eigentlich Bernd hieß, ihn und seine erfrischende, offene, unkomplizierte Art, die sie schon seit ihren alten WG-Zeiten schätzte. Mit Bernd konnte sie albern sein, lachen, sich fallen lassen, vertrauen, sich anlehnen. Nur eines schaffte sie nicht: sich in ihn zu verlieben, auch wenn sie es heute manchmal gerne täte. Aber schließlich kann man Gefühle nicht wie einen Lichtschalter ein- und ausschalten. Ihr Herz gehörte Gerd. Trotz seiner Lügen, trotz seiner Heimlichkeiten und seiner Überstunden, die selten welche waren, trotz Andrea: Sie liebte ihn.

  „Tut mir Leid, dass ich mich verspätet habe“, beteuerte der schlaksige junge Mann, als er endlich heranrauschte, drückte ihr einen Kuss auf die Wange und schwang sich in einen Stuhl. „Aber ich bin mit dem Wagen noch nicht fertig. Die Bremsbeläge: total hinüber, sag ich dir! Du, ich hab mich echt beeilt.“
  „Das sieht man“, schmunzelte sie.
Bernd Lehmann fuhr sich mit der Hand über sein Stoppelkinn. „Wenn ich mich extra rasiert hätte, wäre es noch später geworden. - Biste sauer?“
  „Quatsch.“
Sein Grinsen wurde breiter. Er nahm ihre Hände. „Schön, dich zu sehen, Sternschnuppe. Sieht toll aus, deine neue Frisur!“
  Bernd trug seine alten ausgefransten Jeans, Biker-Boots mit Stahlringen und ein weißes T-Shirt unter seiner geliebten abgewetzten Lederjacke, die auch schon bessere Tage gesehen hatte, und auf die er selbst im Sommer nicht verzichten konnte. Seine schwarzbraunen Locken fielen ihm ungeordnet bis in den Nacken. Die Augen waren groß und braun wie Haselnüsse.
  Mit seinen Mitte dreißig war er nur wenig älter als sie selbst, ein großer Junge, der sich hartnäckig weigerte, erwachsen zu werden und sich schon ewig und drei Tage an seinem Lehrerstudium festhielt. Wichtiger als die Vorbereitungen auf sein Staatsexamen waren ihm sein Engagement in der linksautonomen Szene und seine Kolumnen und Kurzgeschichten, die er manchmal für eine Fernsehzeitschrift verfasste. Manchmal jobbte er am Hafen, wenn das Geld nicht reichte oder er reparierte Autos. Am liebsten reparierte er Ilonas Auto, aber das hatte seine eigenen, ganz speziellen Gründe. Bernd bestellte einen Milchkaffee.
  „Ich mach jetzt drei Wochen frei“, begann er dann, sprühend vor Energie. Er redete schnell und manchmal eine Spur zu laut in seiner Begeisterung. „Ich hab mir das genau ausgerechnet. Mit der Kohle ist auch kein Problem zurzeit. Hab n bisschen was zusammengespart. Wir könnten irgendwohin fahren. Mallorca, Teneriffa; meinetwegen auch ins Fichtelgebirge. Alles, was du willst. Na, wie hört sich das an, Sternschnuppe?“
  „Bernd, warum haben wir uns heute getroffen?“, erinnerte sie ihn und das erwartungsvolle Leuchten fiel von seinen Zügen ab.
  „Schon okay, du willst wissen, wann ich die Karre fertig habe. Na ja, wenn ich will, kann ich die noch heute in Ordnung bringen.“
Ilona zog ihre fein geschwungenen Augenbrauen hoch. „Was heißt das: Wenn du willst?“
   „Ich dachte mir“, sagte Bernd, nahm den Löffel von seinem Unterteller und gestikulierte damit in der Luft, „jetzt, wo dein Alter nicht da ist, machst du vielleicht mit bei unserer nächsten Aktion. Die Hafenstraße soll geräumt werden. Wieder mal, hab ich dir doch erzählt letztens. Das können wir uns natürlich nicht gefallen lassen.“
  „Wieso 'wir'? Du wohnst doch da gar nicht“, bemerkte Ilona unüberlegt, die seinen politischen Eifer schon lange nicht mehr teilen konnte. Was kümmerte sie diese verdammte Hausbesetzerszene? Sie hatte ganz andere Sorgen. Die Haselnussaugen rissen empört auf.
  „Mit 'wir' meine ich natürlich uns alle! Die Bürger dieser Stadt!“, stieß er, noch zwei Oktaven lauter als sonst, hervor und ruderte wild mit dem Kaffeelöffel herum. „Oder zumindest alle die, denen der Begriff 'Soziale Gerechtigkeit' noch was bedeutet und für die das nicht nur 'ne hohle Phrase ist!“
  „Aha. Du meinst also, da sollte ich mitkommen, mich mit euch allen zusammen aufs Straßenpflaster hocken, markige Bullenhasser-Parolen blöken, um dann später von der Polizei weggetragen zu werden oder von Wasserwerfern verscheucht? Oh, Benny..!“ Sie fasste über den Tisch nach seiner Hand und drückte sie zärtlich. Dabei lächelte sie nachsichtig wie zu einem kleinen Kind, das ihr gerade weismachen will, auf dem Heimweg den Weihnachtsmann getroffen zu haben. „Ich bin schon damals nicht mitgezogen auf deine ganzen Demos. Warum sollte ich es heute tun?“
  „Okay, dann lass es eben. War vielleicht keine so gute Idee.“
  „Ihr müsst euch schon ohne mich da verscheuchen lassen.“
  „Das werden wir nicht. Wenn sie uns verjagen, kommen wir wieder. Wir werden ja sehen, wer den längeren Atem hat. – Okay, Süße, hör zu, Sternschnuppe, wir könnten...“
  „Noch 'ne Aktion?“
  „Ach Quatsch, Aktion...!“ Er patschte und knetete und rieb an ihrer Hand, als müsste er sie wärmen. „Ne kleine Feier. Wie wäre es damit? Bei Sid und Giselle. Die würden sich bestimmt freuen, dich mal wiederzusehen.“
Ilona zog ihre Hand zurück, dachte an Gerd, spürte den Stich im Herzen, den sie nicht wollte. Sie war seit Monaten nicht mehr bei Sid und Giselle gewesen, hatte immer nur zu Hause gesessen und auf ihn gewartet. „Die machen 'ne Fete heute. Hausgemachte Ananasbowle und alte Platten von Pink Floyd und Genesis; kleines Siebzigerjahre-Revival, weißt du. Sicher nicht das, was in deinen Kreisen jetzt so angesagt ist, aber es wird bestimmt nett. Mal was anderes als die ewigen Stehparties mit Cocktails und Abendkleid und so 'nem Kram.“
  „Du weißt genau, wie sehr ich mich auf Gerds Parties immer langweile.“
  „Klar, da muss man sich immer benehmen. Nur nicht aus der Rolle fallen. Steif und diszipliniert bis zur Selbstaufgabe“, bemerkte er ironisch und beugte sich zu ihr herüber, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. „Was ist los mit dir, Mädchen? Es ist doch wieder was im Busch, richtig?“
  „Unsinn, es ist alles okay.“
  „Andere Frage: Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“
  „Vor einer Woche etwa. Warum fragst du?“
  „Exakt vor einer Woche und zwei Tagen. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, bist du ein bisschen trauriger geworden. Es kotzt mich an, wie sehr er dich kaputtmacht.“
  „Jetzt fang bitte nicht wieder damit an.“
  „Ich glaube dir nicht, dass dir seine neue Liebschaft egal ist.“
„Meine Güte!“, stöhnte sie, „hätt' ich dir bloß nichts davon gesagt...!“
„Hast du aber. Und das ist gut so. Schau, Ilona, ich mache mir Sorgen um dich!“
  „Natürlich ist sie mir nicht egal. Aber was soll ich denn machen?“
  „Ihn verlassen, zum Beispiel. Trenn dich von ihm.“
  „Okay, ich werd' drüber nachdenken.“
  „Hey!“ Bernd lachte. „Jetzt willst du mich aber verarschen, oder?“
  „Vor allem würde ich jetzt gerne das Thema wechseln.“
  „Im Ernst, Sternschnuppe, Ich mag's nicht, wenn du so traurig bist. Du vergräbst dich in deiner Luxusbehausung, gehst kaum noch unter Leute, während dein Mann – okay okay“, unterbrach er sich selber, hob abwehrend die Hände: „Wenn er dich liebt, dich verwöhnt, gut zu dir ist, okay: dann hätte ich's zwar auch immer noch besser gefunden, wenn du dich damals für mich entschieden hättest, aber bitte...: Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.“
  „Oh, jetzt werden wir pathetisch, wie?“
  „Nein nein, es ist in Ordnung, hab ich halt Pech gehabt, ich meine: Ich könnte es, klar“, sprudelte er den nächsten Schwall an Halbsätzen heraus, „könnte es locker in Kauf nehmen – wenn du wenigstens glücklich wärst. – Aber das bist du nicht. Und ist ja auch kein Wunder, so wie er sich verhält!“
  „Hast du dich deshalb mit mir verabredet, um mir wieder mal zu erzählen, was er für ein schlechter Mensch ist?“
  „Ist er das etwa nicht? Hängt mit seiner Geliebten rum, während du...“
  „Jetzt schrei doch nicht so, wir sind hier nicht alleine!“, fuhr sie ihm scharf flüsternd ins Wort.
  „Wie oft“, fragte er, nun in gedämpften Tonfall, „hat er dich denn beispielsweise besucht, als du letzten Monat im Krankenhaus warst?“
  „Bernd, ich war nur ein paar Tage in der Klinik. So eine Blinddarmoperation ist nichts Dramatisches mehr heutzutage.“
  „Trotzdem hätte er ruhig mal kommen können.“
  „Natürlich, und wie er sich gefreut hätte, dich da jedes Mal anzutreffen!“
  „Trotzdem hätte er...“, spulte Bernd von Neuem, stur wie ein Kleinkind auf, doch Ilona unterbrach: „Also schön, also schön“, bestätigte sie und verdrehte genervt die Augen. „Du hast Recht, das hätte er machen können, und: Ja, ich gebe zu: Momentan bin ich nicht sonderlich gut drauf. Und jetzt lass uns bitte von etwas anderem reden, okay?“
  „Von deinem Auto oder vom Wetter oder von der Fete heute Abend?“, fragte Bernd resigniert.
  „Ich habe Giselle lange nicht mehr gesehen.“
  „So gefällst du mir schon besser, Sternschnuppe“, fuhr er freudig auf. „Sid hat n paar Leute eingeladen. Fete is vielleicht zu viel gesagt, n paar Typen hängen da ja immer rum. Du solltest diesen schwarzen Fummel anziehen, den ich dir mal geschenkt habe, weißt du, das Kleid, das dein Alter nicht leiden kann, weil es von mir kam, und...“

  Ilona hörte kaum zu. Ihre Gedanken waren bei Gerd. Schon wieder. Immer noch. Und seinem Bild gesellte sich das der Geliebten dazu. Andrea van Bargen. Groß, schlank, blondgefärbt. Ilona hatte keine Ahnung, wie lange das schon lief zwischen den beiden. Nur, dass er vor ein paar Monaten so unvorsichtig war, von zu Hause aus mit ihr zu telefonieren. Er war auch so unvorsichtig, ihren Namen samt Telefonnummer in seinem Notizbuch zu vermerken. Und schließlich hatte sie die beiden gesehen. Im Volkspark, verliebt wie die Turteltäubchen. Als sie ihn abends zur Rede stellte, blieb ihm nichts weiter übrig, als seine Affäre zu gestehen. Andrea war Fotomodell, jedenfalls hielt sie sich für eines. Oder für eine Schauspielerin. Oder für was auch immer. Sie lebte seit fünf Jahren in Hamburg, hatte irgendwann mal Reklame für Zahnpasta gemacht. Oder für Haarshampoo. Oder weiß der Teufel, für was. Gerd hatte ihr das gesagt.
  „Wenn du eine Scheidung willst, kannst du sie haben“, hatte Ilona ihm da gekränkt entgegengeschleudert, und ihn in einem beiläufigen Nebensatz an Glorias Schlüssel erinnert. Da erstarrte er augenblicklich und die kleine blaue Ader an seiner Schläfe begann aufgeregt zu pochen. Er würde Andrea nie wiedersehen, versprach Gerd schließlich.
  Am nächsten Tag versicherte er ihr, dass er mit Andrea gesprochen habe. Zwischen ihm und ihr sei es endgültig aus. Eine Lüge. Wieder einmal. Das hatte Ilona sofort gemerkt. Gerd konnte noch nie gut lügen. Doch eines war ihr, bei allem Schmerz, an jenem Abend klargeworden: Ihr Mann würde sie nie verlassen, denn das konnte er sich nicht erlauben.

3

  Es war schon ganz gut, dass sie nicht lange auf der Party geblieben war. Von wegen Fete und Siebzigerjahre-Revival! Ein leises Lächeln huschte über Ilonas Gesicht. Nicht mal die versprochene Ananasbowle hatte es gegeben, dafür dick belegte Pizza und viel zu viel Rotwein, der jetzt in ihrem Kreislauf schwirrte. Sie griff sich an die Stirn, schaute aus dem Seitenfenster in die Nacht hinaus.
  Die einzigen Gäste waren sie beide gewesen: Ilona und Bernd. Und während Sid und Giselle später im Wohnzimmer Videos anschauten, saß sie mit Bernd zusammen auf der Matratze im Gästezimmer und sie hörten eine alte Platte von Pink Floyd. Immer wieder dieselbe Scheibe. Sie waren sich nahe gekommen. Näher, als sie eigentlich wollte. Keiner sprach ein Wort. Sie genoss die Geborgenheit in seinen Armen, seine weichen Lippen in ihrem Gesicht, seine streichelnden Finger im Haar. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so geliebt gefühlt, so wohlig, so angenommen... Doch dann spürte sie, dass es mehr werden könnte in dieser Nacht und etwas in ihr sagte, dass das nicht sein darf.

  Ilona lehnte sich im Fond zurück. Der Motor brummte einschläfernd. Ach ja, es wäre sicher schön gewesen, über Nacht zu bleiben, aber am nächsten Morgen hätte sie das vielleicht schon bereut. Nein nein, so war es gut.
Ilona schloss die Augen. Der Alkohol drehte in ihrem Kopf.
  „Wie weit ist es noch bis zum Taunusweg?“, fragte sie mit schwerer Zunge.
  „Höchstens zehn Minuten.“
  „Halten Sie bitte, ich laufe das letzte Stück.“
  „Geht's Ihnen nicht gut?“, fragte der Fahrer zweideutig.
  „Ich hab ein bisschen Kopfschmerzen. Ich glaube, ich brauche jetzt ein wenig frische Luft.“
  „Kurbeln Sie das Fenster runter, dann haben Sie genug frische Luft. Die Gegend ist ziemlich einsam, hier mitten in der Nacht alleine langzuspazieren – na, ich weiß nicht...!“
  „Aber ich. Halten Sie bitte.“
Der Fahrer trat schulterzuckend auf die Bremse. Ilona bezahlte und stieg aus dem Taxi.

  Mitternacht war lange vorbei und bis nach Hause war es noch ein gutes Stück zu gehen. Zehn Autominuten sind zu Fuß mindestens zwanzig, überlegte sie. Doch wenn sie noch länger in dieser schaukelnden Kiste gesessen hätte, wäre ihr der Rotwein unweigerlich hochgekommen und wenigstens diese Peinlichkeit wollte sie sich ersparen. Und so marschierte sie jetzt mit ihren hochhackigen Pumps über die einsame, mondbeschienene Landstraße. Die Nachtluft war angenehm frisch, tat gut und verscheuchte diese grässlichen Kopfschmerzen, die sie im Taxi noch eben so stark empfunden hatte.
  Sie dachte an Bernd und musste grinsen. Morgen hätte er den Wagen fertig, hatte er gesagt. Der Himmel wusste, ob das auch stimmte! Bernd... was er jetzt wohl gerade tat? Ob er schon schlief? Oder hockte er inzwischen im Wohnzimmer bei Sid und Giselle und philosophierte über den Sinn des Lebens oder fluchte auf die 'dekadente faschistoide Gesellschaft', wie immer viel zu laut und mit rudernden Gesten? Oder saß er alleine auf der Matratze im Gästezimmer und trank schweigend den letzten Rotwein aus der Flasche? Zog einen Joint durch oder rauchte eine Selbstgedrehte und hörte noch mal die alte Platte?
  Pink Floyd... 'Wish You were Here'...
Ob er jetzt an sie dachte, so wie sie gerade an ihn? Ilona lächelte verträumt. Sie fühlte eine wunderbare Wärme in ihrem Herzen aufsteigen, blieb stehen, blickte sehnsuchtsvoll in den Himmel und suchte Sterne, die sie nicht fand – lief weiter.
  Schluss, aus, Unsinn. Bernd war ein Freund, wies sie sich streng zurecht, nicht mehr und nicht weniger. Sie durfte sich nicht in eine momentane Stimmung hineinsteigern, nur weil sie heute ein Glas zu viel getrunken hatte. Morgen früh, wenn sie mit einem mächtigen Kater in den Knochen aufwachte, würde sie sicher den Kopf darüber schütteln, dass sie Bernd, ohne es zu wollen, mal wieder Hoffnungen gemacht hatte.

  Es war kühl geworden. Ilona fröstelte. Sie rieb sich die Arme, bog in die nächste Querstraße ein und beschleunigte ihre Schritte. Ein paar Laternen säumten das Trottoir und warfen seichtes Licht. Auf der linken Seite erstreckten sich breite Felder, die nur als dunkle Flecken zu erkennen waren, während rechts allmählich die Villensiedlung heranwuchs mit ihren vereinzelten Häusern und den schlafenden Vorgärten hinter Zäunen und Hecken.
  Ilonas Absätze klackten hart und laut über das Straßenpflaster, und ein seltsam warnendes Ticken in ihrem Hinterkopf ließ sie unwillkürlich schneller gehen. Waren da wirklich nur ihre Schritte, die sie hörte? Das Ticken in ihrem Kopf schwoll an, wurde lauter und warnender. Genau wie das Klacken, das sie hinter sich vernahm, und das sie noch eben für das Echo ihrer eigenen Schritte gehalten hatte. Aber ein Echo, hier, auf offenem Gelände? Unmöglich. Ihr Atem stockte. Da war jemand hinter ihr. Jemand, der ihr folgte. In gleichmäßigen, raschen Schritten.
  Mit einem Mal war Ilona hellwach. Sie wagte nicht, sich umzudrehen, ging wie mechanisch weiter. Sie bereute es plötzlich, nicht bei Bernd übernachtet zu haben, bereute noch mehr, dass sie sich so weit von zu Hause hatte absetzen lassen. In Minikleid und Stöckelschuhen. Die Worte des Taxifahrers fielen ihr ein. Sie hielt sich an ihrer Handtasche fest, lief schneller, immer schneller, den Blick starr auf die düstere Weiterführung gerichtet, die sich irgendwo in hohen Buschreihen verlor. Noch weiter hinten die Einmündung nach links – dann erst hätte sie ihr Zuhause erreicht.
  Das Stakkato der Schritte folgte. Kein Zweifel: Es waren nicht ihre eigenen. Es waren schwere, schnelle Schritte. Die Schritte eines Mannes, und sie kamen bestürzend rasch näher. Ilonas Atem ging stoßweise, in ihrer Kehle pochte die Angst. Vielleicht ein Einbrecher? Es hatte in der letzten Zeit öfter Einbrüche in dieser Gegend gegeben. Oder ein geisteskranker Mörder? Irgendein Wahnsinniger, der sich an ihre Fersen geheftet hatte? Die wüstesten, schlimmsten Ahnungen machten sich in ihr breit. Die Schritte folgten, folgten unverändert, folgten schneller, wollten sie einholen. Ilona schöpfte tief Luft – dann rannte sie los.
  Der Wind zerrte an ihrem kurzen Kleid, die Absätze klackten, übertönten fast die Schritte ihres Verfolgers. Er rannte jetzt auch, rief etwas hinter ihr her, doch sie verstand nichts im Tosen und Brausen ihres Kopfes, rannte so schnell, wie es ihre Stöckelschuhe zuließen --- und kreischte auf, als eine harte Hand von hinten ihren Arm ergriff. Entsetzt fuhr sie herum. Der Schrei blieb ihr im Hals stecken.

  „Wie oft muss ich denn noch hinter dir herrufen?“, keuchte der Mann atemlos – und Ilona fiel ein ganzes Gebirge vom Herzen, als sie ihn erkannte: Michael Klecht, der langjährige Freund und Anwalt der Pörtners aus dem Nachbardorf. Er hielt sie am Arm und japste erschöpft nach Luft.
  „Micha!“, brach sie erleichtert heraus, „Gott sei Dank!“
  „Warum bist du denn vor mir weggelaufen?“, fragte er verwundert, nachdem er sich wieder gefasst hatte und die Lippen unter seinem graublonden Zwirbelbärtchen verzogen sich zu einem leisen Grinsen, während er in seinem bitterschwarzen Humor hinzufügte: „Hast du geglaubt, ich will dich vergewaltigen, ermorden und hinterher zerstückeln?“
  „Irgend sowas Ähnliches, ja“, schnaufte sie erleichtert und ärgerte sich über ihre alberne Furcht. So oft war sie diese Straße schon alleine entlanggegangen, und jetzt, im nächtlichen Weinrausch und in blödsinnigen, wehmütigen Gedanken bei Bernd.... Sie stockte in ihren Gedanken, starrte Michael an. Was, zum Teufel, machte er überhaupt hier?
  „Ich habe dich gesucht“, sagte er, als hätte er ihre Frage erraten. „Ich muss mit dir reden.“
  „Um diese Zeit?“
  „Tja, etwas ungewöhnlich, nicht? Ich habe das Auto in der Garage gelassen und bin zu Fuß rübergekommen. Na ja, Ilona“, lächelte Klecht ein wenig gequält auf, „mein Arzt sagt, ich bräuchte mehr Bewegung in frischer Luft. Ob's was hilft, wird sich morgen zeigen. Da muss ich nochmal zum EKG. Ich habe bei euch geklingelt, aber es war niemand da. Ich wartete eine ganze Weile vergeblich vor dem Haus. Auf dem Weg zurück sah ich dich aus dem Taxi steigen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob du es wirklich bist, deswegen habe ich dich zuerst auch nicht angesprochen. Wo bist du denn gewesen?“
  „Mit Bernd auf einer Party.“
  „Du heiliger Strohsack“, brummte er unwillig und verzog das peinlich gepflegte Zwirbelbärtchen. „Sag bloß, du hast immer noch Kontakt mit diesem grässlichen Berufs-Chaoten?“
  „Er ist kein Berufs-Chaot. Und grässlich ist er auch nicht, sondern ein sehr liebenswerter Mensch. – Jetzt schau nicht so entsetzt, Micha!“, lachte sie dem Mann entgegen, den sie nicht anders als mit Anzug und Krawatte kannte. „Da läuft nichts. Wir sind nur gute Freunde. Sag mir lieber, worüber du mit mir sprechen wolltest.“
  „Wart's ab“, sagte der Anwalt und schürzte bedenklich die Lippen, während sie gemächlich auf Ilonas Heim zusteuerten.

4

  „Also, worum geht’s?“, fragte Ilona und setzte Teewasser auf. „Es muss ja was ganz Ungeheures sein, wenn du mitten in der Nacht hier aufkreuzt.“ Und, wenn er seit fünf Minuten am Küchentisch sitzt, ohne sich eine Pfeife zu stopfen, vervollständigte sie in Gedanken.
  „Es geht um deinen Mann“, sagte Klecht. „Ich war heute Abend in einer Kneipe, die sich 'Die Spinne' nennt. Paul Blattners Stammkneipe.“
Als der Name 'Blattner' fiel, erschrak sie. Klecht faltete seine sorgsam manikürten Finger auf dem Tisch. Er senkte die Stimme: „Ich habe das dumme Gefühl, dass Gerd wieder mit ihm zusammenhängt.“
  „Das ist doch absurd.“ Ilona stellte zwei Tassen auf den Tisch.
  „Am Mittwoch haben sie sich dort getroffen“, erklärte der Anwalt, „und sie sollen sich sehr angeregt unterhalten haben.“
  „Wer sagt das?“
  „Der Kneipenwirt. Er sagt auch, dass es kein zufälliges Treffen gewesen sei.“ Klecht lehnte sich im Stuhl zurück. „Ich hatte heute geschäftlich in der Gegend zu tun und musste dringend nochmal telefonieren“, berichtete er. „Unter anderen Umständen wäre ich sicher nicht in diesen heruntergekommenen Laden gegangen und hätte das alles überhaupt nicht mitbekommen.“ Klecht liebte es, längere Pausen einzulegen, in denen er die wachsende Neugier seiner Zuhörer aus seinen kleinen, schlaublitzenden Augen beobachten konnte.
  „Ja und? Weiter?“, drängte Ilona, die diese Marotte kannte – und hasste. Sie nahm ihm gegenüber Platz. Ihr Kopf tat weh von dem Wein am Abend. Sie massierte sich die Schläfen.
  „Zu meinem größten Erstaunen“, fuhr der Anwalt endlich fort, „erkannte ich in dem Wirt Karl Paulsen, einen früheren Mandanten. So kamen wir ins Gespräch. Nach einer Weile deutete er grinsend auf einen ziemlich desolat aussehenden Menschen, der etwas abseits im Gastraum hockte. Wenn wir Glück hätten, meinte Paulsen, würde 'der Typ da am Daddelkasten vielleicht wieder ein paar Runden schmeißen'.“ Klecht lächelte. „Paulsens Ausdrucksweise“, warf er wie entschuldigend hinterher und setzte fort: „Ich hätte Blattner beinahe nicht erkannt. Er sieht ja weiß Gott nicht mehr so aus wie auf den alten Zeitungsbildern.“
  „Und weiter?“
Ausschweifende Handbewegung: „Nun, jedenfalls verriet Paulsen, dass Blattner ein paar Tage zuvor, nach dem Gespräch mit einem anderen, recht seriös wirkenden Mann dicke Lokalrunden geworfen, und von einem 'Bombengeschäft' getönt hätte. Dann fiel der Name 'Pörtner'. Sein guter alter Freund Gerd Pörtner. Die Information hielt ich für so beunruhigend, dass ich dir das einfach sagen musste. – Ilona, du weißt, was es bedeutet, wenn Gerd und Blattner...“
  „Aber das sind doch alte Geschichten!“, fuhr sie dazwischen.
  „Und wenn schon. Die beiden verbindet einiges: Sie haben jahrelang Seite an Seite in derselben Firma gearbeitet. Bis zu dem Tag, an dem der alte Reuter den Laden abstieß, waren sie gut miteinander befreundet gewesen.“
  „Sie waren nie gut befreundet, waren einander immer nur Mittel zum Zweck.“
  „Umso schlimmer, wenn sie dann heute wieder Kontakt zueinander haben. Sie haben die Firma um viel Geld gebracht. Wenn das je herausgekommen wäre...“
  „Ist es aber nicht. Und wenn Gerd seinen... alten Freund, wie du es nennst, nicht wieder einstellt, ist das allein seine Sache.“
  „Du vergisst, dass du da auch noch ein Wörtchen mitzureden hast.“
  „Glaubst du etwa, ich würde ihn einstellen?“ Sie lachte verächtlich. „Die Firma hat mich nie interessiert, Micha. Ich wollte Gerd nur helfen.“
  „Hilf ihm jetzt, Ilona.“
  „Wie denn? Indem ich seinem guten Freund Blattner seinen alten Posten zurückgebe?“
  „Red keinen Unsinn“, wies der Anwalt sie so ungewohnt scharf zurecht, dass Ilona eine Sekunde sprachlos war.
  „Entschuldige“, murmelte sie dann. „Das Ganze ist nicht komisch.“
  „Es ist viel passiert seit damals“, erinnerte Klecht. „Nur, während dein Mann unaufhaltsam die Karriereleiter hinaufstolperte, saß Blattner im Gefängnis. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Da kann man sich viel überlegen, viel aushecken. Ilona, ich habe ein ungutes Gefühl.“

  Zehn Jahre sind eine lange Zeit...
Ilona nippte an ihrem Tee. In zehn Jahren kann man viel nachdenken. Blinden Hass in kalte Berechnung unwandeln. Zehn Jahre hinter Gittern. Unschuldig. Wie könnte sie das je vergessen. Ilona war die einzige, die die Wahrheit kannte – mehr noch: Sie konnte sie beweisen. Aber sie hatte sich entscheiden müssen. Für Gerd oder gegen ihn. In einem spektakulären Indizienprozess war Blattner verurteilt worden: Totschlag im Affekt. Ilona wollte nicht mehr zurückdenken. Es war vorbei.
  „Du solltest mit deinem Mann reden“, sagte Klecht.
  „Gerd ist jetzt auf Sylt“, sagte sie. „Angeblich geschäftlich, aber... – Micha, glaubst du, Blattner will ihn erpressen?“
  „Das habe ich mich auch schon gefragt, nur womit? Dass die beiden Geld veruntreut haben, interessiert nach so vielen Jahren niemanden mehr. Abgesehen davon, dass Blattner sich ins eigene Fleisch schneiden würde, wenn er da was ausplauderte. Was also sollte er gegen Gerd in der Hand haben?“
Nichts, dachte sie. Die Beweise hatte sie: die Schlüssel. Und davon hatten weder Blattner noch Klecht auch nur die leiseste Ahnung.
  „Was glaubst du dann?“, fragte sie.
  „Ich weiß es nicht“, seufzte Klecht und schüttelte den Kopf mit den zurückgekämmten graublonden Haaren. „Ich weiß nur, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn die beiden sich treffen. – Ilona, mir liegt genauso wenig daran, wie dir, dass sich Gerd auf eine krumme Geschichte einlässt. Rede mit ihm, frag ihn, was los ist. So bald wie möglich. Auf dich hört er vielleicht.“

  Michael Klecht verabschiedete sich, ohne seinen Tee getrunken zu haben und Ilona blieb alleine mit ihren Gedanken, die sich total von Bernd und der „Party“ bei Sid abgewendet hatten. Vielleicht hatte Blattner tatsächlich etwas gegen Gerd in der Hand, überlegte sie. Dann wischte sie diesen Gedanken wieder beiseite. Nein, es war vorbei. Endgültig. Unruhig tigerte Ilona in dem großen Haus umher. Donnergrollen aus der Ferne kündigte ein Gewitter an. Bald darauf Regenpeitschen gegen die Fenster und Terrassentüren. Sie war alleine im Haus und es war Nacht. Dieses Haus war unheimlich bei Nacht, zu groß und zu einsam, mit viel zu vielen Schatten und Winkeln. Sie hatte Angst, alleine zu sein.

5

  Ilona Pörtner hatte in dieser Nacht schlecht geschlafen. Ihr Kopf tat immer noch weh und sie hätte sich lieber noch etwas hingelegt, aber es war schon spät. Und außerdem war sie mit Bernd verabredet. Sie entschied sich für ein hellblaues Sommerkostüm mit wadenlangem, weit schwingenden Rock. Die Farbe passte gut zu ihrer sonnengebräunten Haut. Ihr Spiegelbild gefiel ihr heute allerdings gar nicht. Die Augen waren verquollen und übernächtigt. Vielleicht sollte sie sie besser hinter einer Sonnenbrille verstecken und auf Make up verzichten, beschloss sie und bestellte sich ein Taxi.
  Im Wagen erst fiel ihr auf, dass Gerd noch gar nicht angerufen hatte. Das tat er sonst immer; nicht aus Sehnsucht, sondern aus schlechtem Gewissen. Ein diesiger, grauer Tag wartete draußen. Der Fahrer erzählte etwas von einer „Schlechtwetterzone“ und vom Gewitter in der letzten Nacht. Sie hörte nicht zu. Es war Samstag. Ein ganzes langes Wochenende lag vor ihr. Am Dienstag erst wäre Gerd wieder zu Hause. Dann würde sie mit ihm reden. Die Worte des Anwalts gingen ihr nicht aus dem Kopf. Sie musste sich ablenken, an etwas anderes denken, vielleicht an gestern Abend, bei Bernd, Sid und Giselle.
  Sie kannte Sid schon seit ihren Teenager-Tagen. Ein dunkelhäutiger verflippter Typ, der so gut wie nie arbeitete, und so gut wie immer Geld hatte. Nie übermäßig viel, aber zum Leben reichte es und Sidney war anspruchslos. Damals war sie ständig unterwegs gewesen, zog mit der Clique von einer Kiffer-Party zur nächsten, tanzte auf Raggae-Konzerten, schimpfte auf den „Bullenstaat“ und half – weniger aus Überzeugung als vielmehr Gefälligkeit – beim Schilder und Plakate anmalen für die diversen Demos und Happenings. Sid war immer dabei. Und Bernd. Sie trug keine teure Garderobe, ging nicht jede Woche zum Frisör oder in den Kosmetiksalon. Sie lief in abgewetzten Jeans herum, genoss den Tag und hatte den Traum, eines Tages mal Medizin zu studieren. Irgendwann mal, nach dem Abi. Aber erst mal austoben und ein bisschen die Welt aus den Angeln heben. Es war eine glückliche, verrückte Zeit. Mit neunzehn hatte sie endlich das Abi in der Tasche. Sie warf ihren Medizin-Traum über Bord, begann eine Bürolehre und brach sie wieder ab, jobbte mal hier und mal da, zog schließlich aus der Sid- und Giselle-WG in ihr erstes Apartment um, und dann – ja, dann kam Gerd: groß, charmant und aufmerksam, ein Kavalier der alten Schule, keiner jener Jeans- und T-Shirt-Typen, mit denen sie sonst immer herumhing.
  „Vaterkomplex?“, hatte Sid mit seinem dämlich schiefen Grinsen gegrinst, da zuckte sie nur die Achseln. Na und wenn schon! Ilona hatte ihre Eltern nie kennengelernt. Sie waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, da war sie drei Jahre alt. Sie wuchs bei einer Tante auf, die selten da war und noch seltener Zeit für sie hatte. So etwas wie Nestwärme hatte Ilona nie kennengelernt, sie musste sich immer irgendwie alleine durchs Leben schlagen. Mit Gerd war da auf einmal jemand, der sie ernst nahm, mit dem sie reden konnte, der ihr zuhörte, jemand, der andere Themen hatte als das übliche Feten-Hopping und Rumgekiffe, jemand, dem sie bald blind vertraute – und der zu ihrem bisherigen Freundeskreis passte wie Milch zu Essig.
  Sidney, Giselle und Bernd waren die einzigen Freunde, die ihr von früher geblieben waren. Nachdem sie es zunächst nicht fassen konnten, dass Ilona mit Gerd zusammen war, konnten sie es noch weniger fassen, als sie ihnen von ihren Heiratsplänen mit ihm berichtete, diesem „spießigen Spekulanten“, der all das verkörperte, was sie an der spießbürgerlichen Gesellschaft hassten. Ilona hatte nichts dagegen, dass Gerd Pörtner eine Gütertrennung vorschlug. Vermutlich hielt er das für einen klugen Schritt. Doch diesen sollte er schon bald bereuen.
  Denn die Tante, bei der Ilona einst lebte, verstarb nur ein halbes Jahr nach der Hochzeit und vermachte ihrer Nichte ein gewaltiges Vermögen. Von einen Tag auf den anderen war Ilona Pörtner reich. Und ihrem Gatten gehörte nicht ein Pfennig davon. Gerd sprach nie viel von seiner Vergangenheit. Ilona wusste damals noch nichts von den krummen Geschäften, von den Unterschlagungen, die er mit Blattner zusammen ausgeheckt hatte, und die der Immobilienfirma, in der beide arbeiteten, so nachhaltig geschadet hatten. Er erklärte seiner jungen Frau nur irgendwann, dass es finanzielle Schwierigkeiten gebe und dass der alte Reuter das Geschäft abstoßen wolle. Da Ilona ihren Mann liebte, tat sie bereitwillig, worum er sie an jenem Tag bat: Ihr Geld rettete den Betrieb und Gerd Pörtner wurde Leitender Geschäftsführer.
  „Du bist total verrückt“, hatte Sid gesagt, und Bernd meinte, damit hätte sie die größte Idiotie ihres Lebens, die Heirat mit Gerd, noch übertroffen. Wenn Klecht nicht so entschieden darauf gedrungen hätte, alles haarklein vertraglich festzumachen, stünde sie heute nicht einmal als offizielle Inhaberin der 'Pörtner Immobilien' in den Papieren. Sie müsse schließlich abgesichert sein, erklärte der Jurist diese Notwendigkeit, der stets den Fall der Fälle geschäftstüchtig im Auge hatte und der in einem solchen ganz offen auf ihrer Seite gestanden hätte. Ilona war abgesichert. Seit Ostern vor elf Jahren. Doch woher sollte Klecht das wissen?

6

  Graue Wolken verdeckten den Himmel. Es war kühl. Trotzdem entschied sie sich, draußen an den Tischen Platz zu nehmen. Sie hatte nicht die Absicht, lange zu bleiben. Sie bestellte einen Baccardi.
  „Ist das nicht 'n bisschen frisch hier draußen?“, lachte Bernd, der heute erstaunlicherweise auf die Minute pünktlich erschien. Ilona trank einen Schluck. „Okay, egal. Gelobt sei, was hart macht“, brummte Bernd und zog den Reißverschluss seiner Lederjacke nach oben. „Vielleicht kommt die Sonne ja noch raus.“ Er räusperte sich, knetete an seinen Fingern und wirkte reichlich verlegen. „Tja, was deine Karre betrifft, da bin ich noch nicht zu gekommen. Weißt du, die Bremsbeläge...“
  „Sind total im Eimer, ich weiß“, vervollständigte sie. Sie trank zu schnell und zu hastig.
  „Äh... ja, genau. An der Benzinpumpe ist auch noch was zu machen. Ich wollte es eigentlich heute noch fertig kriegen. Aber war ja ne ziemlich lange Nacht gestern. Ich musste erst mal meinen Rausch ausschlafen. Hey, was ist mit deinen Augen?“
  „Nichts weiter. Sind 'n bisschen verquollen.“
  „Bei dem Wetter mit Sonnenbrille! Etwas albern, findest du nicht?“
  „Na und?“ Sein Grinsen ärgerte sie. „Für mich war's immerhin auch ne lange Nacht.“
  „Hey, was bist 'n so gereizt?“
Sie antwortete nicht, fuhr sich durch die Haare, er sagte: „Nun sei nicht sauer, Sternschnuppe. Morgen Mittag mach ich die Kiste fertig. Bring ich dir dann vorbei. - Du, was anderes: Wie wär's heute mit Kino? Im Delphi läuft irgend'ne Liebesschnulze. Schön was zum Schluchzen und Ankuscheln in der letzten Reihe. Na komm, sag schon ja!“
  „Ich denke, du wolltest zu deiner Sitzblockade“, erinnerte Ilona nicht ohne Ironie. „Können deine Aktivisten-Freunde das Ganze denn ohne dich durchziehen?“
  „Mach dich nur lustig“, gab Bernd säuerlich lächelnd zurück. „Es gab Zeiten, da war es dir noch nicht egal, wenn der Staat seinen Bürgern reihenweise ihre Wohnungen unterm Hintern wegzieht.“

  So kann man es natürlich auch sehen, dachte Ilona, und damit die Tatsache ausblenden, dass die Bewohner der Hafenstraße nicht mal einen Mietvertrag besaßen, geschweige denn, überhaupt regelmäßig Miete bezahlten. Tatsächlich sah sie heute einiges anders als in ihren alten Zeiten. So konnte sie zwar auch jetzt noch durchaus Verständnis für die Besetzung der Häuser aufbringen, denen noch Anfang der achtziger Jahre der Abriss drohte. Auch hielt sie die großenteils brutalen Räumungsmaßnahmen und Einkesselungen der Demonstranten seitens der Polizei keineswegs für gerechtfertigt. Aber die ständigen Randalen schaukelten sich in der letzten Zeit immer gravierender hoch --- mit dem Ergebnis, dass ehemalige, vom Staat bereits bewilligte, Instandsetzungsgelder prompt wieder eingestellt wurden. Seit den brennenden Barrikaden vom vorigen Jahr wähnte man sogar RAF-Sympathisanten unter den Bewohnern, und nachdem der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes der taz ein Interview zu diesem Thema gab, wurden die Redaktionsräume der Zeitung verwüstet. Als Krönung dann noch ein offenes „Kriegsbeil“, das dem Bausenator in die Bürotür flog. Wie weit sollte es denn noch gehen? Wie weit auch immer. Sie konnte nicht dauernd mit dem Taxi fahren.
  „Bernd, ich brauche mein Auto“, sagte Ilona. „Ich habe nicht die Zeit, mich ständig umsonst mit dir zu treffen.“ Hastig trank sie ihr Glas aus, bestellte einen neuen Drink.
  „Umsonst?“, wiederholte Bernd gekränkt und rang um Fassung. Ilona wich seinem empörten Blick aus. Sie schaute hinüber zum Bahnhofsgebäude, das sich mit seinem türkisfarbenen Dach vom fahlen Himmel abhob. Menschen liefen wie Ameisen durcheinander. Die Bedienung kam mit dem frischen Baccardi. Ilona angelte das Glas vom Tablett. Ein großer Schluck. Der Rum schmeckte bitter. Nur wenige Gäste hatten an diesem Tag draußen Platz genommen. Manche saßen alleine und lasen Zeitung, andere zu zweit oder zu dritt, redeten laut oder leise oder gar nicht. „Was soll denn das heißen: umsonst?“ Bernd klang verletzt und traurig.
  „Bernd, wir...“ Ilona stockte, setzte eilig fort: „Wir sollten uns in der nächsten Zeit besser nicht sehen.“
Betretenes Schweigen folgte.
  „Aha“, kam es dann bitter. „Und was war gestern?“
  „Wir haben zusammen Wein getrunken und dann bin ich nach Hause gefahren“, sagte Ilona, abweisender als sie eigentlich wollte. Der nächste Schluck. „Es war ein schöner Abend, Bernd, aber mehr nicht.“   „Mehr nicht, ach ja!“ Er fuhr von seinem Stuhl hoch. „Und ich Idiot hab mir tatsächlich eingebildet, du hättest dich wenigstens ein bisschen in mich verknallt. Ich bin vielleicht ein Blödmann!“
  „Bernd, hör doch, ich...“
  „Schon okay, ich hab verstanden. Übermorgen kannst du deine Karre abholen. Angenehmen Tag noch.“ Dann ging er.

  Der Streit hatte sie ausgelaugt. Einen Moment glaubte sie, sich übergeben zu müssen. Sie hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Gestern der Wein und jetzt auch noch Baccardi – und Streit mit Bernd. Warum hatte sie sich überhaupt Alkohol bestellt? Um sich Mut anzutrinken, um ihm die Wahrheit zu sagen? Was, zum Teufel, war denn die Wahrheit? Ilona fühlte Schweiß auf der Stirn. Der Straßenlärm dröhnte in ihrem Kopf. Ihr war übel. Sie klemmte sich ihre Handtasche unter den Arm, wollte sich auf der Toilette ein wenig frisch machen. Ihre Knie waren weich die Pudding, als sie aufstand. Für einen Augenblick brach die Sonne zwischen den Wolken hervor.
  'Café Om' Hellgrüne Schrift über der Glastür. Das Sonnenlicht blendete, reflektierte in der Scheibe. Überall Menschen, Tische, Stühle, in ihren Ohren rauschte es, und vor ihren Augen begann es zu flimmern. Dann gaben die Beine unter ihr nach und sie sackte zu Boden.

7

  Irgendjemand war bei ihr, sprach sie an. Sie öffnete die Augen und erkannte das Gesicht der Kellnerin, das vor ihrem Blickfeld schwebte. Jung, besorgt, mit vielen Sommersprossen.
  „Hören Sie mich? Ist alles in Ordnung oder soll ich einen Arzt rufen?“ Ilona brauchte keinen Arzt. Ihr Kopf war mit einem Mal leer und kalt. Sie versuchte, sich wieder aufzurichten, sagte:
  „Nein nein, danke, es war nur... mein Kreislauf. Es war eben so heiß...“
   „Ich bringe Ihnen ein Glas Wasser.“
Ilona versuchte noch einmal, aufzustehen. Sie fühlte, wie ihr jemand dabei helfen wollte, schüttelte den Kopf.
  „Gleich... gleich geht es“, sagte sie und bemühte sich um ein Lächeln. „Das ist mir furchtbar peinlich...“ Sie blickte in ein sonnengebräuntes Gesicht mit markanten Stirnlinien und einer interessant ausgeprägten Kinnpartie. Die Augen waren wasserhell, und ein eigentümliches Glitzern lag darin.
  „Wenn es wieder geht, sagen Sie es“, sagte der Fremde, „dann versuchen wir es gleich nochmal, okay?“ Sie nickte. „Die Kellnerin bringt Ihnen ein Glas Wasser.“ Seine Stimme war warm und freundlich, gefärbt von einem kleinen englischen Akzent.
  „So was... ist mir noch nie passiert...“ Ilona kauerte zwischen einem Tischbein und der Stufe, die ins Café hineinführte. Der fremde Mann in dem klassisch geschnittenen Oxford-Karo-Jackett hockte neben ihr.
  „Es ist alles in Ordnung“, sagte er zu der Kellnerin. „Sie brauchen keinen Arzt zu rufen, Fräulein. Geben Sie mir das. – Hier, trinken Sie.“ Ilona nahm das Glas aus seiner Hand, sie trank einen Schluck. „Ich glaube, es geht wieder“, sagte sie dankbar. Der Fremde half ihr in einen Stuhl. Er legte Ilonas Handtasche auf den Tisch und lächelte wieder dieses vertrauenerweckende und zugleich unverschämt charmante Lächeln.
  „Sie lag neben Ihnen auf dem Boden. Die Sonnenbrille ebenfalls. Der Bügel ist abgebrochen. – War das Ihr Freund vorhin?“
  „Ein Freund, ja“, entgegnete Ilona fahrig. Sie trank ihr Wasser. Es kühlte und tat gut. „Wenn Sie alleine gewesen wären, hätte ich Sie schon früher angesprochen“, sagte der Mann. Ilona quittierte seine fast beiläufig hingestreute Bemerkung mit einem verwunderten Blick. „Haben Sie mich etwa beobachtet?“
  „Sagen wir besser: Sie sind mir aufgefallen. Trinken Sie immer so früh am Tag Alkohol?“
  „Seh ich so aus?“
  „Keineswegs. – Ärger mit Ihrem Freund?“
  „Dass er nicht mein Freund ist, hat ja wohl die ganze Straße mitbekommen.“
  „Verzeihen Sie, ich wollte nicht indiskret sein.“
  „Nein, nein“, winkte Ilona ab, „ich bin es, die sich entschuldigen muss. Sie sind sehr aufmerksam.“ Und er sieht gut aus. Sie nippte an ihrem Wasser. Sie schätzte den Mann auf etwa Mitte vierzig. Er hatte braunes, volles Haar, das ihm ein wenig unordentlich in die Stirn fiel und an den Schläfen graumeliert schimmerte.
  „Ich bin oft im 'Café Om'“, sagte sie, als hätte er sie danach gefragt. „Aber Sie habe ich hier noch nie gesehen.“
  „Ich bin das erste Mal hier“, lächelte er.
  „Sie sind nicht aus Hamburg, nicht wahr?“
  „Engländer – es lässt sich nicht verbergen.“
  „Ihr Deutsch ist ausgezeichnet.“
  „Ich gebe mir Mühe.“
  „Was tun Sie in Hamburg? Haben Sie Verwandte hier oder Freunde?“
  „Ich bin geschäftlich in der Stadt.“
  „Was für Geschäfte sind das, wenn ich fragen darf?“
Anscheinend durfte sie nicht fragen, denn sein beständiges Lächeln hatte sich auf eine merkwürdige, stille Art verändert. Er winkte die Kellnerin heran und bestellte zwei Tassen Kaffee. „Entschuldigen Sie“, sagte Ilona. „Das geht mich ja überhaupt nichts an.“
  „Schon gut. Vergessen Sie's.“
Sie fingerte an einem der Kämmchen, das sich aus ihren Haaren gelockert hatte, steckte es wieder fester in die Frisur zurück. „Ich bin normalerweise gar nicht so neugierig“, gab sie zu. „Daran ist nur dieser verdammte Baccardi schuld. Ich hätte besser keinen Alkohol trinken sollen.“ Der Kaffee wurde gebracht. Ilona goss Milch in ihre Tasse, rührte um.
  „Ein Unfall“, sagte der Fremde. „Noch aus meiner Kindheit.“
  „Bitte??“
  „Ich bin damals einem äußerst aggressiven Rasenmäher ein wenig zu nahe gekommen.“
Endlich verstand sie: Er meinte seinen kleinen Finger der linken Hand, auf den ihr Blick gefallen war und an dem das oberste Glied fehlte. „Oh, bitte verzeihen Sie“, sagte Ilona und spürte, wie ihr die Schamesröte bis in die Ohren stieg. „Ich wollte da nicht so hinstarren.“
  „Jetzt entschuldigen Sie sich schon wieder“, lächelte der Mann. „Das müssen Sie nicht. Ich habe kein Problem damit. Es gibt genügend Leute, die wesentlich schlechter dran sind. Denen fehlt vielleicht eine ganze Hand oder ein Bein.“
  „Manchen sogar zwei!“
  „Ja, oder ihnen fallen die Haare aus.“
  „Oder die Zähne!“
  „Oder sie leiden unter Schweißfüßen.“ Sie lachten beide. Es tat gut. „Ich habe nicht erwartet, dass ich heute noch mal jemanden treffen würde, der mich zum Lachen bringt“, schmunzelte sie dann und pustete sich eine Strähne aus dem Gesicht.

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Noch ahnt Ilona nicht, was ihr schon bald an Grauen bevorsteht....


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